VĚC MAKROPULOS (DIE SACHE MAKROPULOS) JW I/10

Oper in drei Akten

Libretto von Leoš Janáček nach der gleichnamigen Komödie von Karel Čapek

1923-25

Uraufführung 18. 12. 1926 Brünn

Erstausgabe Universal Edition, Wien 1926 (Klavierauszug), 1970 (Partitur), 2014 (Partitur, Klavierauszug, hrsg. von Jiří Zahrádka, kritische Edition)


  • Diese Oper ähnelt einer Science fiction - sie handelt von einer Frau, die Dank eines Lebenselixirs schon mehr als dreihundert Jahre auf der Erde weilt. Ebenso wie das ursprüngliche Theaterstück von Josef Čapek berührt die Oper philosophische Fragen des ewigen Lebens und der menschlichen Endlichkeit. Die Handlung spielt im bürgerlichen Milieu der zwanziger Jahre und Janáček gelang hier gewissermaßen eine, obgleich nebensächliche, Premiere - es ist die erste Oper, in der telefoniert wird.

Als Janáček die Oper Das Schlaue Füchslein beendet hatte, begann er sogleich, sich mit dem Gedanken an eine weitere Oper zu tragen. Er entschied sich für das Theaterstück Věc Makropulos von Karel Čapek, das er im Dezember 1922 im Prager Nationaltheater gesehen hatte. Zunächst benötigte er jedoch die Zustimmung des Autors zur Vertonung. Zu Beginn war Čapek dieser Angelegenheit gegenüber recht skeptisch eingestellt, vor allem wegen dem Konversationscharakter des Dramas, das nicht sonderlich poetisch war. Und tatsächlich - die Handlung voller Dialoge und verworrener Familienverhältnisse, die sich außerdem im unattraktiven juristischen Umfeld abspielt, ist nicht gerade ein typischer Opernstoff, auch nicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Janáček jedoch, der sich schon im Schlauen Füchslein mit dem endlosen Kreislauf des Lebens beschäftigt hatte, war sehr fasziniert von dem Werk, das sich um die Frage dreht, ob Unsterblichkeit den Menschen Glück bringen kann oder ob die Erfüllung des menschlichen Lebens gerade durch die Unabwendbarkeit seines Endes bedingt ist. Čapek stimmte der Vertonung schließlich zu und so konnte Janáček, wie bereits mehrere Male zuvor, selbst aus der Vorlage ein Opernlibretto erarbeiten.

Der Kompositionsprozess selbst dauerte zwei Jahre, vom 11. November 1923 bis zum 3. Dezember 1925. Den Fortschritt der Arbeit erwähnte Janáček oft in den Briefen an seine Freundin Kamila Stösslová: "Eine Schönheit, 300 Jahre alt - und ewig jung - aber nur ausgebranntes Gefühl! Brrr! Kalt wie Eis! Über so eine werde ich eine Oper schreiben!" "Diese brr mache ich schon. Aber ich mache sie wärmer, damit die Leute mit ihr Mitleid haben. Ich werde mich noch in sie verlieben."

Die Uraufführung am 18. Dezember 1926 fand wieder im Brünner Nationaltheater statt und es war ein weiterer Triumph Janáčeks: "Die Erkaltete hatte ungeahnten Erfolg! Beinahe ein Schauder ist Allen über den Körper gelaufen. Es ist angeblich mein größtes Werk!" Es folgte eine ebenso erfolgreiche Premiere am Prager Nationaltheater unter der Leitung von Otakar Ostrčil im März 1928, nur knapp sieben Monate vor dem Tod des Komponisten.


Inhalt der Oper

1. Akt

Im Erbschaftsstreit, den die Familien Gregor und Prus schon fast hundert Jahre lang führen, soll gerade heute das Urteil gesprochen werden. Albert Gregor als Vertreter der Anklage betritt das Büro seines Anwalts Kolenatý, um sich nach dem Ergebnis zu erkundigen. Er trifft dort nur dessen Mitarbeiter Vítek an. Víteks Tochter Kristina kommt herein, eine angehende Opernsängerin, die begeistert von der berühmten Sängerin Emilia Marty erzählt. Nach einer Weile erscheint diese in der Tür in Begleitung des Anwalts Kolenatý. Marty fragt nach dem Stand in Gregors Prozess und beeindruckt alle Anwesenden mit ihren Kenntnissen von den Ereignissen, die sich vor hundert Jahren abspielten. Sie weiß sogar von der Beziehung des längst verstorbenen Barons Prus und seiner Geliebten Ellian Mac Gregor und bezeichnet genau den Ort, wo bisher unbekannte Dokumente verwahrt sind, einschließlich des Testaments von Prus. Kolenatý glaubt ihr nicht, aber auf Drängen Albert Gregors muss er sich zum Haus von Prus begeben, um die erwähnten Unterlagen zu suchen. Nach einer Weile kehrt er mit Gregors Prozessgegner Jaroslav Prus zurück. Sie berichten, dass sich an der von Marty bezeichneten Stelle tatsächlich das Testament und weitere bisher unbekannte Dokumente befanden.

2. Akt

Hinter den Kulissen des Theaters unterhalten sich die Bühnenarbeiter über den erfolgreichen Auftritt der Sängerin Emilia Marty. Eine Schar von Verehrern erwartet sie, unter ihnen auch Jaroslav Prus. Sein Sohn Janek trifft sich im Theater mit seiner geliebten Kristina, die von Martys Persönlichkeit fasziniert ist und eine ebenso berühmte Sängerin werden will. Marty tritt auf und empfängt nacheinander ihre Bewunderer einschließlich Albert Gregor und den schwachsinnigen Hauk-Schendorf, der in ihr seine einstige Liebe Eugenie Montez erkennt. Schließlich schickt die müde Marty alle weg und bleibt mit Jaroslav Prus allein. Dieser fragt Marty nach der Geliebten seines Vorfahren aus, der Sängerin Ellian Mac Gregor, die die Mutter des unehelichen Kindes des Barons war. In der Matrikel ist sie jedoch unter einem anderen Namen eingetragen - als Elina Makropulos. Marty hingegen interessiert sich vor allem für einen versiegelten Umschlag, der zwischen den übrigen Unterlagen steckt und den Prus sich herauszugeben weigert. Albert Gregor kommt, um Emilia seine Liebe zu bekennen, aber sie weist ihn ab. Auch Janek hat sich in sie verliebt. Die Sängerin fordert ihn auf, ihr jenen geheimnisvollen Umschlag aus dem Haus des Vaters zu holen. In diesem Moment jedoch erscheint Prus und bietet an, ihr den Umschlag nach einer gemeinsam verbrachten Nacht zu übergeben.

3. Akt

Marty hat ihren Teil der Vereinbarung erfüllt und fordert von Prus den versprochenen Umschlag. Sie bekommt ihn, aber Prus ist enttäuscht - er hatte nicht solch teilnahmslose Kühle von ihr erwartet. Der Diener bringt die tragische Nachricht, dass Janek Selbstmord begangen hat, als er ahnte, dass sein Vater die Nacht mit Marty verbrachte. Gregor, Kolenatý und Vítek mt Tochter Kristina kommen hinzu und haben viele Fragen: Nachdem Marty für Kristina ein Erinnerungsfoto unterschrieben hatte, stellten sie nämlich fest, dass ihre Signatur mit den Unterschriften auf den hundert Jahre alten Dokumenten übereinstimmte. Sie bestürmen Marty immer mehr, bis die Sängerin ihr Geheimnis verrät. Ihr wahrer Name ist Elina Makropulos und sie war die Tochter des Griechen Hieronymos Makropulos, der als Leibarzt Rudolfs II. versuchte, ein Elixir der ewigen Jugend herzustellen. Er probierte es an seiner Tochter aus, die nun schon 337 Jahre lebt. Im Lauf der Jahrhunderte wechselte sie mehrmals ihre Identität, lebte unter anderem unter dem Namen Ellian MacGregor und war damals die Geliebte von Prus, war ebenfalls die spanische Zigeunerin Eugenie Montez, die Hauk-Schendorf in ihr erkannte. Jetzt tritt sie als Emilia Marty auf und war in die Angelegenheit hineingeraten, weil sie den Umschlag mit dem Rezept des Elixirs suchte - jenen Umschlag, den ihr Jaroslav Prus im Gegenzug für die gemeinsame Nacht gegeben hatte. Das Elixir wirkt nämlich nur dreihundert Jahre, also muss Marty, wenn sie weiterhin leben will, eine weitere Dosis nehmen. Sie merkt jedoch, dass sie sich des Lebens nicht mehr freut: Sie ist dessen müde und überdrüssig, weil ihr angesichts der unendlich langen Zeit der Sinn des Lebens abhanden gekommen ist. Sie übergibt Kristina das Rezept und bietet ihr damit ewige Jugend, Schönheit und Ruhm an. Das junge Mädchen aber verbrennt das Dokument - und wählt stattdessen ein zwar kurzes, aber sinnerfülltes Leben.